Pionierzeit

Die Pionierzeit der Stromgewinnung

Seiner vorbestimmten Rolle als Energielieferant wurde der Auer Mühlbach bis Ende des 19. Jahrhunderts ausschließlich durch das direkte Abfassen mechanischer Kraft, z. B. für Mühlenwerke, gerecht. Mit der Entdeckung und Nutzbarmachung elektrischer Energie kamen zwei weitere Formen der Energieausnutzung hinzu, die den Bach für München zu einer heute längst vergessenen Bedeutung erhoben: Zum einen ist dies die Funktion eines Wasserlieferanten für Dampfmaschinenanlagen, die mittels Kohlefeuerung Dynamomaschinen zur Erzeugung elektrischer Energie antreiben, zum anderen, wenn auch in wesentlich geringerem Ausmaß, das Abfassen der Wasserkraft mittels Turbinen, an die entsprechende Anlagen zur Stromerzeugung angeschlossen sind.

Vergegenwärtigen wir uns zunächst die Situation der Stadt, bevor die elektrische Energie in breiterem Umfang nutzbar gemacht werden konnte. Die privaten Haushalte waren noch weit davon entfernt, Strom als Energiequelle zu nutzen, und dies sollte in den meisten Fällen auch in der Großstadt München noch bis nach dem ersten Weltkrieg der Fall bleiben. Größere Firmen hatten zur Energiegewinnung häufig Dampfmaschinen, deren Kraft über lange Wellen und daran angeschlossene lederne Laufriemen auf die einzelnen Fertigungsmaschinen und Werkzeuge verteilt wurde. Zur Beleuchtung diente, sofern es sich überhaupt um derartig eingerichtete Betriebe gehandelt hat, das Stadtgas.

Auch öffentliche Einrichtungen waren hinsichtlich der Gebäudeinnenbeleuchtung und der Straßenbeleuchtung zunächst auf Stadtgas als Energieträger angewiesen. Der öffentliche Personennahverkehr beschränkte sich größtenteils auf durch Pferdekraft betriebene Straßenbahnwagen.

Während es für die Straßenbahn im Vordergrund stand, die technischen Voraussetzungen für eine Motorisierung der Verkehrsmittel zu schaffen, stand der öffentlichen Beleuchtung in München zunächst ein weiteres Hindernis entgegen. Es bestand ein Gaslieferungsvertrag, der gewissermaßen ein Monopol in Sachen Straßenbeleuchtung begründete und damit die Verwendung elektrischer Energie zunächst ausschloss. Auch war die Gasbeleuchtungsgesellschaft allein berechtigt, öffentliche Straßen für "Beleuchtungsleitungen" zu nutzen. Erst ein am 09.05.1891 geschlossener Ablösevertrag sah eine vorsichtige Öffnung des Monopols vor, indem zunächst eine Kraftanlage mit 300 PS zur elektrischen Beleuchtung genehmigt wurde; ab 01.01.1896 wurde dies auf 600 PS erweitert. Zwar nimmt die 1891 in Betrieb genommene Anlage im Katzenbachbrunnhaus (bei der Westenriederstraße am Viktualienmarkt gelegen) dem Auer Mühlbach den Rang als Standort des ersten städtischen Elektrizitätswerkes ab, sie war aber als eigenständige Anlage noch nicht in ein Gesamtkonzept der Nutzbarmachung elektrischer Energie für die Stadt eingebunden. Diese Aufgabe sollte dem 1883 erbauten Werk im Muffatbrunnhaus (benannt nach Karl August Muffat, einem königlich-bayrischen Reichsarchivrat und Historiker (1804-1878)) zukommen, das zunächst als Dampfkraftanlage konzipiert wurde, bereits 1897 aber erweitert wurde, u. a. auch um eine 180-PSe-Turbine zur Nutzung der Wasserkraft. Mit dem Entstehen weiterer Elektrizitätswerke, wie z. B. dem 1895 begonnenen Werk unterhalb der Maximiliansbrücke bei der Mündung des Auer Mühlbaches in die Isar ("Maxwerk") und dem Elektrizitätswerk Staubstraße, kam dem Muffatwerk weitere Bedeutung zu. Es diente nicht nur der Energieerzeugung, sondern auch der Energieverteilung, indem es die Schaltzentrale für das Elektrizitätsnetz der Stadt München wurde. Bald schon beschränkte sich die Nutzung des elektrischen Stromes nicht mehr nur auf die Straßenbeleuchtung und die Beleuchtung öffentlicher Gebäude, sondern erweiterte sich zunächst auf die Elektrifizierung der Pferdebahn und später auf Angebote an private Abnehmer, die übrigens lange Zeit weit hinter der Nachfrage zurückblieben.



Foto: Elektrischer Straßenbahnwagen

Foto: Elektrischer Straßenbahnwagen

mit angehängtem Pferdebahnwagen, ca. 1900

Vergleicht man die maximale Leistung der Dampfmaschinen (zwei Maschinen à 350 PSe, zwei à 700 PSe) mit der durch Wasserkraft gewonnenen Energie (180 PSe), so wird deutlich, dass die Wasserkraft für die Elektrizitätserzeugung im Muffatwerk vor der Jahrhundertwende zwar keine unbedeutende, aber eine doch zweitrangige Rolle gespielt hat. Ausführliche technische Details dieser Anlage sind einem Aufsatz des städt. Baurats F. Uppenborn zu entnehmen, der ca. 1898 nicht nur die einzelne Werke und ihre technische Ausrüstung, sondern auch das Gesamtkonzept der städtischen Stromversorgung minutiös beschrieben hat. Eine aus heutiger Sicht technische Kuriosität sei an dieser Stelle jedoch erwähnt: Da in der Pionierzeit der Elektrizität Ausfälle von Energieerzeugungsanlagen und Lastwechsel im Verbrauch mangels ausreichender Anlagen nicht durch Zu- und Abschalten von Kraftwerken im Leitungsnetz ausgeglichen werden konnten, wurden in den Kraftwerken selbst, aber auch in den Unterstationen riesige Akkumulatoren zwischengeschaltet. Für den "Stromkreis" der Privathaushalte, der aufgrund abweichender Spannung und Verteilung von denen für Straßenbeleuchtung und für Straßenbahnbetrieb getrennt geführt wurde, hatte diese Batterieanlage "...eine Kapazität von 4536 Ampèrestunden und eine Maximallade- und Entladestromstärke von 1512 Ampère, und kann infolgedessen 6000 Normallampen 3 Stunden lang mit Strom versorgen." (F. Uppenborn: Die Versorgung Münchens mit Elektrischer Energie, in: Festschrift zur XIV. Versammlung...) so der Stand zum ausgehenden 19. Jahrhundert. Damit nichtöffentliche Abnehmer überhaupt mit elektrischem Strom versorgt werden konnten, waren aufgrund der Monopolstellung der Gasanstalt auch hierfür erst die vertraglichen Voraussetzungen zu schaffen. Erst im Juni 1898 wurde der erste nichtöffentliche Abnehmer an das Leitungsnetz angeschlossen. Wie schnell die Nachfrage nach elektrischer Energie in den darauf folgenden Monaten angestiegen ist verdeutlicht die nachstehende Grafik:

steigender Energieverbrauch

steigender Energieverbrauch

1895 wurde entlang des Auer Mühlbaches ein weiteres Elektrizitätswerk errichtet: Aufgrund eines Stauwehres vor der Maximiliansbrücke, das zum Schutz der Brückenpfeiler vor Unterspülung errichtet wurde, ergab sich bei Verlängerung des Auer Mühlbaches bis zu dieser Stelle ein energiepolitisch nutzbares Gefälle zur Isar hin. Bei "normalem" Wasserstand der Isar betrug dieses Gefälle 4,8 m, bei niedrigem Isar-Wasserstand sogar 5,7 m. Bei Hochwasser allerdings verringerte sich das Gefälle auf 3,32 m, was einer optimalen Ausnutzung der Wasserkraft zur Energiegewinnung zunächst abträglich erscheint. Die Energiebilanz des Auer Mühlbaches an seiner Mündung in die Isar ist jedoch nicht nur durch das dort herrschende Gefälle begründet, sondern auch durch die zur Verfügung stehende Wassermenge. Und die war damals, je nach Isar-Wasserstand, trotz aller Regulierungsmaßnahmen durchaus Schwankungen unterworfen. So weist F. Uppenborn in dem o. g. Aufsatz darauf hin, dass bei Niedrigwasserstand der Isar also Zeiten hohen Gefälles statt der gewollten 10 cbm/s nur 8,72 cbm/s Wassermenge für den Auer Mühlbach zur Verfügung standen. Bei Hochwasser der Isar, das ja ein geringeres Gefälle bedingt, konnte der Auer Mühlbach hingegen bis zu 15,0 cbm/s Wasser führen. Bei der Konstruktion der Turbinenanlage des Maximilianswerkes (genannt "Maxwerk") wurde daher ein gedämpfter Turbinenregulator vorgesehen, welcher stets ein Optimum zwischen Wassermenge und Gefälle ermittelt und die Turbinenhöhe derart reguliert, dass eine möglichst gleich bleibende Energieausbeute möglich wurde - ein technisches Meisterwerk seiner Zeit, auf das die Konstrukteure zu Recht stolz sein konnten. Zur Energieerzeugung dienten zwei Dynamomaschinen, die bei 660 Volt Ausgangsspannung je 225 Ampere lieferten, also knapp 300 kW. Der damit gewonnene Strom wurde über die Schaltzentrale des Muffatwerkes in das öffentliche Stromnetz eingespeist.

Neben seiner technischen Raffinesse war das Maxwerk auch eine bauliche Besonderheit. In den Isarauen unterhalb des Maximilianeums gelegen sollte es den parkähnlichen Charakter seiner Umgebung möglichst nicht beeinträchtigen. Hierzu wurde nicht nur der Bau selbst kunstvoll im Stil eines barocken Garten- oder Jagdschlösschen ausgeführt, auch der zufließende Bach wäre schon eine zu große Beeinträchtigung dieser Landschaft gewesen: Er wird in seinem letzten Abschnitt über 380 m hinweg unterirdisch in einer Betonröhre geführt. Stadtbäche galten in dieser Zeit nicht als landschaftlich wertvolle Gestaltungselemente, sondern als Energielieferanten und Entsorgungsadern und hatten für die damalige Zeit wohl den Charme einer Starkstromleitung oder eines Straßengullys heutiger Tage.

Maxwerk, ca. 1900

Maxwerk, ca. 1900

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