Erzählung

Bachauskehr in der Au

"Die sogenannte Bachauskehr , eine vorübergehende Umleitung des Auer Mühlbachs, um dessen Bett trockenlegen und dessen Entrümpelung von sommerlichem Unrat vornehmen zu können, geschieht seit altersher alljährlich im Herbst. Früher, insbesondere aber im 19. Jahrhundert, beteiligten sich an dieser Auskehr auch die Bachanwohner, die vorwiegend in den Untergiesinger und Auer Herbergen wohnten, arme Leute, die auf dem trockengelegten Bachgrund einige noch verwertbare Gegenstände zu finden hofften. Später interessierten sich nur noch die Kinder der Häuslleute für die Auskehrschätze. Die nachfolgende Szenenschilderung bemüht sich, den Hergang einer solchen Bachauskehr aufzuzeigen:

Zu dritt sitzen sie auf der Uferböschung des Auer Mühlbaches nahe dem Gebsattelberg und blicken auf das dunkelbraune Gewässer hinunter, das langsam immer weniger wird, bis sich an einzelnen Stellen der modrige Bachgrund zeigt.

Warum hoaßt's nacha,Auskehr'? , fragt der Rotz Sigi seine beiden Gefährten und fügt nicht ohne Logik hinzu: Ich hab hier no nia einen kehrn g'sehng. Dabei berührt er mit seiner nackten großen Zehe die morastige Brühe, um den Fuß gleich wieder erschrocken zurückzuziehen.

Ja verreck', is des G'wasch kalt!

Memme! , antwortet der Sturm Berti kühl, schiebt sich am Spezl vorbei und schreitet lässig in die Flut, die ihm genau bis zu den verschrammten, schmutzstarrenden Knien reicht. Seine Füße versinken im Schlamm, und im Wasser suchen sich ein paar Blasen den Weg nach oben.

Kommts, ös Glätzn! Wir fanga o mit der Expedition.

Den beiden anderen ist es offensichtlich nicht recht wohl in ihrer Haut, aber die verächtlichen Blicke vom Expeditions-Boß Berti lassen es ihnen geraten erscheinen, seiner Aufforderung zu folgen. Langsam tasten sie sich den Bachgrund entlang bis vor in die Nähe des Rechens unter der Brücke. Dicht vor ihnen macht der Grund einen kleinen Buckel. Der Schlamm glänzt glitschig wie ein Froschbauch in der Herbstsonne. In einer Vertiefung behauptete sich ein Pfützenrest, dessen Oberfläche sich ab und zu heftig bewegt. Wie gebannt starren die drei Buben hin. Der Leber Waggi sagt leise: Uuii - da is was. Und erinnert sich: Einmal is vom Tierpark a Krokodil auskumma und den ganzen Auer Mühlbach bis zum Volksbad g'schwumma - da, jetzt bewegt sich's wieder, 's Wasser. I glaub, i geh lieber hoam.

Die braune Brühe tropft von seinen Hosenrändern. Fast schluchzend sagt er, sich seines moralischen Knockouts bewußt: I moan ja bloß und reißt dann bewundernd die Augen auf, als der Berti mit zusammengebissenen Zähnen kaltblütig ins Wasser greift und einen Riesen-Koppen ans Tageslicht zerrt, der sich, verzweifelt mit der Schwanzflosse schlenzend, der Bubenhand zu entwinden sucht.

Da hast dei Krokodil, du feiger Bolln! Dicht am entsetzten Gesicht des Waggi vorbei läßt der andere das Auer-Mühlbach-Ungeheuer in einen alten Margarinekübel fallen, den der Dritte im Bunde herbeigeschleppt hat.

Die Expeditionsausbeute der nächsten hundert Meter ist beträchtlich. Dem Sigi gelingt es, seine Ausrüstung durch einen verrosteten Gasometer zu vervollständigen, der Berti hat einen alten Regulator-Perpendikel in der Hosentasche und ein Heiligenbild mit Rahmen am linken Hosenträger hängen, und der Waggi klemmt sich in Ermangelung wertvollerer Beute einen vermoderten Abortdeckel um die schmächtigen Schultern.

Wenige Meter vor dem dunklen Loch der Brückenröhre mit dem Rechen hebt der Berti den Arm.

Halt, Bagasch! Da-da ist wirklich was!

Ein eigenartiger Verwesungsgeruch steigt ihnen in die Nasen, der nichts mit den sonstigen Auer-Mühlbach-Düften gemein hat. Selbst die dünnen Schenkel des Forscher-Bosses überzieht jetzt eine Gänsehaut. Vor ihnen schwabbt ab und zu eine dunkle Masse am Rechen hoch und läßt helle Haare ans Tageslicht kommen, bis sich das Gewässer erneut der Ungeheuerlichkeit annimmt und sie zudeckt.

Heilige Muttergottes - a Doder - a Leich!

Mit vor Schreck erstarrten Fingern drückt der Sigi den Gasometer an seinen kleinen Bubenbauch, verliert das Gleichgewicht und rutscht mit dem Hintern auf das Schlammloch des Rechens zu, daß ihm im Sitzen das Wasser bis zum Kinn steigt. Sein röchelndes Zetern hallt dumpf zum Brückengewölbe, seine Hände greifen, Halt suchend, nach etwas sehr Nassem und Haarigen, schleudern es weg - dann fliegt ein toter Kater in weitem Bogen nach rückwärts zwischen den beiden übrigen Expeditionsteilnehmern hindurch und klatscht auf den Bachgrund.

Stille. Nur noch das leise Absickern des Mühlbachwassers ist zu hören. Bis der Sigi wieder aus dunkelsten Auer Abgründen nach oben kommt, sich entsetzt den Schlamm aus Hemdkragen und Hose zerrt, den Gasometer weit von sich wirft und dann mit dreckverschmiertem Gesicht, aus dessen Nasenlöcherwie Spaghetti lange Algenfransen hängen, auf den toten Kater starrt. Erst jetzt steigt ein ganz von tief unten kommender Schluchzer in ihm hoch. Mit ausgestrecktem Zeigefinger deutet er auf den Berti, der langsam aus seiner Erstarrung erwacht.

Du - du mit deiner Expedition bist schuld! Oh mei, wie i stink - dös sag i meiner Mama!

Mit schleppendem Schritt und tiefhängender Hose krabbelt er die Uferböschung hoch und verschwindet, still vor sich hin schluchzend, in Richtung Mariahilfkirche.

Auch die beiden anderen Auer-Mühlbach-Auskehrer wandern heim. Mit einem Riesen-Koppen in einem alten Margarinekübel. Und mit sehr gemischten Gefühlen. Könnt' durchaus sein, daß es noch Watsch'n gibt, heute abend, dahein. Könnt' durchaus sein."

Quelle: Das waren Zeiten, München im Spiegel der Bildreportagen von einst 1848 bis 1900, Hanns Glöckle

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