Das Templerschloß am Isarhang

Ein Architekt sieht München

Das Templerschloß am Isarhang
Von Christoph Hackelsberger - (aus dem Münchner Stadtanzeiger, Nummer 71, vom 16. September 1980)

"München, nicht gerade arm an auffälligen Neubauten, weist seit einem guten halben Jahr eine Merkwürdigkeit auf, die unter den Beschauern heftiges Für und Wider auslöst.

An der Birkenleiten, einer direkt am östlichen Isarabbruch parallel zur Schönstraße laufenden, teils noch nicht ganz ausgebauten Straße, erhebt sich hinter hohen schmiedeeisernen Gittern ein einst altdeutsch-romantisches, nun neogotisiertes Schlößchen, welches den meisten, so auch mir, verborgen geblieben wäre, hätten die Templer nicht auf der Suche nach Erweiterungsmöglichkeit findig einen gewaltigen Kirchturm mit in der Diagonale 11 und in der Höhe 18 Meter messender welscher Turmhaube, landläufig auch Zwiebelturm genannt, errichtet.

Jetzt ragt dieser 87 Meter hohe Turm - er ist wesentlich höher als der Hangabbruch -, der eher aus einem Münchner Merianstich denn aus dem 20. Jahrhundert zu stammen scheint, weit übers nicht gerade besonders gestaltige Wohnungsneubaugebiet jener Gegend, ruft Ärger und Freudenkundgebungen hervor und stellt, vor allem dem nachdenklichen Beschauer, die Frage nach dem Warum.

Derzeit wird ja hierzulande allerhand Historisches nachempfunden: Da baut sich eine Großbank am Stachus einen Bühnenaufguß einer Barockresidenz, die Stadt leistet sich ein Filmmuseum nach Art eines alten Waffenarsenals, in welchem die so genannten "Spießer" ihre Spieße aufhoben, und unser derzeitiger Landesvater wünscht sich für seine Person sogar ein kuppelgekröntes Museum im hohenzollerischen Imperialstil als Regierungssitz.

Will aber einer einen Glockenturm bauen, so gehört dazu mehr. Derartiges ist nämlich in unserer Schubladenwelt nur den Kontaktgruppen zum Überirdischen vorbehalten, sprich den Religionsgemeinschaften. Sind nun die Templer eine solche? Sind sie eine Sekte? Was sind überhaupt Templer? - Wo stammen sie her, wieso sind sie turmwürdig?

Ausflug in die Geschichte:

All das läßt sich kaum beantworten ohne einen kleinen Ausflug in die Geschichte. Er führt uns zurück bis ins Zeitalter der Kreuzzüge, jener merkwürdigen Unternehmungen, die so ideal gedacht; meist aber durchaus irdisch intensive Nahostkontakte herstellten. Ohne auch nur im geringsten daran zu denken, irgendwie jenes Knäuel von Motiven und Interessen entwirren zu wollen, kann festgestellt werden, daß sich damals eine große Anzahl beschäftigungsloser Militärs, Ritter genannt, in einer Mischung von Frömmigkeit, Glaubenseifer, Raubgier und Sehnsucht, heimischer Enge zu entgehen, Schätze und Gunst fremder Damen zu erwerben, in mehreren Wellen nach Palästina aufmachte, um - dies war der Leitstern- das Heilige Grab aus den Händen der Heiden zu befreien. In der durchaus bunten Mischung der Kreuzfahrer, sie reichte von aller Ehren Werten, dem reinsten Christentum verpflichteten Persönlichkeiten bis zu ausgepichten Kriminellen, wobei diese und jene in allen sozialen Schichten vorkamen, fanden sich auf der Seite der Hochanständigen neun französische Christen und Ritter, die im Jahr 1119 einen geistlichen Ritterorden gründeten; um zu Ehren der Muttergottes Mönchtum und Rittertum in Verbindung zu bringen und den Pilgern in den Gefahren des heiligen Landes beizustehen.

Diese vornehme Absicht, die Werte des hochmittelalterlichen Rittertums mit denen des Mönchtums zu verbinden, scheint nach dem Sinn vieler anständiger Kreuzfahrer gewesen zu sein: Der Orden nahm nämlich an Zahl rasch zu. König Balduin II., einer der französischen Herrscher von Jerusalem, räumte dem Ritterorden Residenz in einem Teil seines auf den Fundamenten des ehemaligen salomonischen Tempels erbauten Palastes ein. Dieser Sitz gab dem Orden den Namen. Ein Konzil unter Papst Honorius bestätigte die Ordensgründung, und der hl. Bernhard von Plairvaux, eine der geistlichen Leuchten jener religiös so intensiv bewegten Zeit, verfaßte die erste Ordensregel.

Macht und Ansehen des Ordens wuchsen. Er rekrutierte sich in erster Linie aus Franzosen, während der danach gegründete Johanniterorden andere europäische Landsmannschaften umfaßte. Als die Kreuzzugsbewegung austrocknete und die christlichen Herrschaften auf palästinensischem Boden eine nach der anderen, oft mehr durch sich selbst als durch islamischen Angriff zu Fall kamen - die Geschichte darüber liest sich wie ein überaus spannender Kriminalroman und sollte Pflichtlektüre jedes Nahost- und Europapolitikers sein -, zog sich der inzwischen über 20 000 Köpfe zählende Orden, immens reich geworden und damit überaus mächtig, nach dem Fall der Festung Acca 1291 auf die Insel Cypern zurück. Der einstmals vortreffliche Ruf des Ordens hatte gelitten. Blutige Auseinandersetzungen mit dem Schwesterorden der Johanniter, geheime Absprachen mit den Sarazenen, endloses Mitintrigieren bei den Auseinandersetzungen der verschiedenen christlichen Reiche und Fürstentümer hatten den Orden etwas ins Zwielicht gebracht. "Saufen wie ein Templer" sagte damals jedem etwas, und die überall verstreuten Agenturen, die auch Finanzgeschäfte betrieben, kannte man auch allenthalben.

Zu Anfang des 14. Jahrhunderts gab der Orden offiziell den Kampf gegen die Heiden auf, und 1308 zog sich der französische Großmeister des Templerordens in das damals schon als durchaus flott bekannte Paris zurück. Dies erwies sich alsbald als schwerer Fehler. Philipp IV. der Schöne, einer jener überaus tüchtigen französischen Herrscher, die etwas von der Macht verstanden und deshalb wußten, daß es Macht ohne Geld nicht gibt, hatte ein Auge auf den gewaltigen Reichtum des Templerordens geworfen. Nach bis heute durchaus geläufigen Methoden konstruierte er ein durch herausgefolterte Geständnisse bereichertes Anklagegebäude, setzte den damals in der Herrschaft Avignon, die von französischem Königsland umgeben war, weilenden Papst Clemens V. unter massiven Druck, worauf dieser im Jahr 1312 durch einen Erlaß den Orden aufhob, ohne ihn zu verurteilen. Dies reichte Philipp dem Schönen, um in einem groß angelegten Schauprozeß über den Orden herzufallen, ihn seiner sämtlichen Güter in Frankreich zu berauben und die Ordensoberen mit Feuer und Schwert, meistens aber durch Verbrennen, niederzumachen. In anderen Ländern waren ebenfalls die Kronen, oder im Fall Deutschland, der Deutschherrnorden die lachenden Dritten, die den Templerreichtum für sich einvernahmten. Was hier abrollte, ist bis heute einer der ganz großen Justizskandale geblieben. Dem Templerorden, welcher am Rande Europas, in Schottland und Portugal, teilweise unter anderem Namen überlebte, ist bis heute keine Genugtuung geworden.

Die römische Hierarchie tut sich als ältester Amtsapparat Europas und wahrscheinlich der Welt noch schwerer im Zugeben irgendwelcher Fehler als all die vielen kleinen Amtsepigonen, die heute die Welt bevölkern: Der Orden überlebte also in der Stille weiter. Neuere Gründungen des 18. Jahrhunderts, teilweise von den Freimaurern vorgenommen, teilweise im aufklärerischen Geist romantisch wiedererweckt, haben mit diesem alten Orden nur den oberflächlichen Namen gemeinsam. Es ist eine Merkwürdigkeit der Geschichte, daß dieser nun seit über 660 Jahre verbotene, durch ein Justizverbrechen ausgeschaltete Orden die Zeit überdauert hat und streng nach den Lehren der römisch-katholischen Kirche lebend, mit geweihten Priestern und Sakramenten aus dieser Zeit um 1312, jedoch ohne jede Verbindung mit der derzeitig lebenden kirchlichen Amtshierarchie zu uns heraufreicht.

Und, ebendies, so kommen wir zum Anfang zurück, berechtigt, hier an der Birkenleiten einen Turm mit Glocken zu errichten. 1935 kam der Orden nach München, erlebte schwere Zeiten im Dritten Reich und zog nach dem Krieg in die Birkenleiten. 1988 erwarb die Ordensgemeinschaft ein 1880 gebautes, historistisches Schlößchen im altdeutsches Stil, welches selbstredend jetzt unter Denkmalschutz steht, und baute es seither für seine Zwecke aus. 13 Ordensangehörige - die Zahl bedeutet Christus und seine zwölf Jünger - leben nach strengen Regeln in dieser Kommende. Sie sind ohne Besitz, alle arbeiten in verschiedenen Berufen, verdienen sich ihren Lebensunterhalt und leisten, was öffentlich anerkannt wird, Sozialarbeit. Täglich werden etwa 80 Mahlzeiten kostenlos an Besucher ausgegeben. Dabei wird, was mir bemerkenswert vorkommt und selten ist, keine Bedürftigkeit geprüft, es wird kein weiteres Aufheben gemacht; wer kommt, ist eingeladen.

Die Tempelherren leben von ihrer Arbeit, für ihr soziales Wirken erhalten sie Zuschüsse von der Öffentlichen Hand und private Spenden. Das Schlößchen, heute Hauptsitz, Komturei des Tempelordens in Deutschland, erwies sich trotz mehrfacher Um- und Anbauten für die Aktivitäten der Ordensgemeinschaft als zu klein. Die Grenze der Ausbaufähigkeit erschien erreicht, da entstand der Gedanke, die Ordensgemeinschaft könne doch einen Turmbau beanspruchen. Dies war Rettung in der Not.

Der Turm brachte in acht Geschossen etwa 400 Quadratmeter Nutzraum, die dringend benötigt wurden. Außerdem gab er ein weithin sichtbares Symbol für die Ordensgemeinschaft ab.

Domarch Angelos, was, modern ausgedrückt, etwa mit Wirtschafts- und Finanzminister übersetzt werden könnte, führte die Planungen für Vergrößerung des Baus und den Turmbau selbst ohne Architekten durch. Er versuchte, traditionell templerische Bauformen zu verwenden und zu einer Aussage über das Wesen seines Ordens zu kommen. Dabei hat alles an diesem Bau eine Bedeutung. Die vier Türme, die die Zwiebelkuppel an ihrer Basis umstehen und mit so genannten Jerusalemkreuzen geschmückt sind, stehen für die vier Apostel. Auf dem großen Zwiebelturm zeigt sich das Patriarchalkreuz des Ordens. Für spätere Zeiten ist noch eine Aufstockung des Hauptgebäudes über der Kapelle vorgesehen. Die Westfassade des Baus ist streng gegliedert. In der Mitte wird sie von einem kleinen Zwiebelturm überragt, rechts und links an den Traufen sind zwei spitze helmige Türme angeordnet, die wiederum mit Patriarchalkreuzen geschmückt sind.

Domarch Angelos wählte als vorherrschende Formensprache die der Gotik. Man könnte dies nun für Kulisse und Bühnenzauber halten; diese Neo-Neogotik gewinnt indes Sinn, wenn man bedenkt, dass die große Zeit des seit Jahrhunderten im Untergrund weiterlebenden Ordens die der hohen Gotik war, und wenn man hört, wie der Ordensbaumeister überall Symbolik zu verwirklichen sucht. Er arbeitet, wie übrigens auch die anderen Ordensangehörigen, am Bau mit, vieles wird in ausgezeichneter Qualität selbst gefertigt, um Kosten zu sparen. Überaus findig durchstreift er die Stadt, ja das Land, und entdeckt bei Abbrüchen Wertvolles, wie ein altes Portal oder hochpolierte Granitsäulen für die Kapelle, Baluster, Plastiken von Engeln oder Löwen. Eine Bauleidenschaft muß schon vorhanden sein, das zu spüren, und eine im guten Sinn naive Freude am Ausgestalten einer sehr geregelten, historischen Überlieferung verpflichteten und etwas traumhaften Welt wird deutlich.

Ein solches Leben seit langer Zeit am Rand der Zeit ist im Sinn des Wortes absonderlich. Von heute aus gesehen, ist das an der Birkenleiten Gebaute sicher sonderbar. Obwohl ich kein Freund historisierender baulicher Kulissenschieberei bin, kann ich aber an dieser Sonderbarkeit kein Ärgernis nehmen.

Hier handelt es sich, im Gegensatz zu vielen anderen Erscheinungen, um eine sehr private und die Allgemeinheit weder störende noch in Frage stellende bauliche Äußerung. Zieht zum Beispiel ein heutiger politischer Repräsentant; ein gewählter Mitbürger, mit baulichem Pomp auf, so. kann ich feststellen, daß sein Rollenverständnis nicht stimmt. Er greift kraft eigener Willkür die Rechte seiner Mitbürger an. Was er tut, ist von öffentlicher Bedeutung. Wenn die Templer sich eine Ordensburg mit Zwiebelturm bauen, dann stören sie das Rechtsverhältnis zu ihren Mitbürgern kaum, und ich würde mich ärgern, wenn ihnen einer zu sehr sagen wollte, wie sie bauen müssen. Da hierzulande allenthalben sowieso zuviel hereingeredet, wird, freut es mich, wenn es eine Gruppe von Mitmenschen fertig bringt, ohne Schaden für andere eine so zeitfremde Absurdität zu errichten und unangepaßt, versponnen in die eigene Geschichte und dazu noch gar nicht unschlau, was die Nutzung angeht - denn ohne den überirdischen Bezug hätte es keine 400 Quadratmeter Nutzfläche gegeben, das verwirklicht, was sie sich vorstellt.

Vor dieser Genugtuung tritt die Kritik an der formalen Ausprägung des Gebauten in diesem Fall zurück. Wäre zu befürchten, daß jetzt eine Welle derartigen unzeitgemäßen Turmbauens einsetzt, so wäre dies etwas anderes. Die altetablierten Kirchen sind indes längst von solcher Symbolik abgekommen. Wollte man stilkritisch im einzelnen die bauliche Bemühung bewerten, könnte man sie trotz äußerst präziser und solider Ausführung - das hat damit nichts zu tun - in den Bereich der naiven Kunst einordnen. Dafür spricht auch, daß alles an diesem Bau mit großer Hingabe und spontaner Freude am Gestalten, am Zusammenfügen von Gefundenem gemacht ist; das gibt ihm eine Frische; die von vielen, die sich das Werk beschauen, ebenso freundlich und naiv instinktiv begriffen wird.

Daß solches kein Vorbild sein kann, ist eindeutig. Die großen Kirchen haben es seit nunmehr 35 Jahren aufgegeben, sich aus dem Fundus ihrer eigenen Baugeschichte süddeutsch-barock oder romanisch-heroisch zu kostümieren. Dieser Schritt war eine mutige Tat, ein Wagnis zur Wahrheit der heutigen Wirklichkeit hin, mit allen Risiken. Die katholische und evangelische Kirche haben damit den Schritt in den Fortgang der baulichen Geschichte getan. Sie haben in einem langen und schmerzlichen Prozeß Kraft gesammelt, um sich dies leisten zu können. Solche Kraft zur Gegenwärtigkeit kann natürlich der schwache und durch die nicht zurückgenommene päpstliche Bulle ins Abseits geschichtlichen Zwielichts gedrückte Templerorden nicht hervorbringen: So bleibt er in seiner baugeschichtlichen Nische und blickt auf seine große Zeit, so wie sie sein hiesiger Baumeister am Ende des 20. Jahrhunderts interpretiert."

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